Es ist das wahrscheinlich bestdokumentierte Beispiel von fehlgeleitetem Aktivismus in der Politik: Die Rechtschreibreform von 1996, die nicht nur inhaltlich völlig verfehlt, sondern auch ein (weiteres) Beispiel für staatliche Wissensanmassung ist. Man darf weiterhin hoffen, dass diese Missgeburt doch noch irgendwann zu Grabe getragen wird.
Es ist inzwischen deutlich absehbar: Die herkömmliche Schreibung wird in den meisten Fällen die normale bleiben! [...] Wir wollen doch beim Lesen nicht permanent über Schreibungen stolpern, die unsere Aufmerksamkeit vom Textinhalt ablenken! Orthographische Varianten, Inkonsequenzen oder gar «wilde» Kreationen, die einem seit der Reform sehr viel häufiger begegnen als vorher, tun aber genau das.
Weil nämlich diese Reform – gemessen an ihren Zielen – so eindeutig als gescheitert zu betrachten ist...
Die Reform war in vielen Punkten unnötig oder sogar verfehlt, und ihr 2004 an die Hand genommener Rückbau durch Schaffung der Varianten war mutlos und für die Sache zusätzlich fatal. Sogar die wenigen ganz zurückgenommenen Dummheiten der Reform sind kaum mehr auszurotten, wie es tut mir Leid (leid ist hier ein Adjektiv, deshalb kann sehr, ausserordentlich usw. davor stehen). Und den Vogel abgeschossen hat Johanna Wanka, die ehemalige Präsidentin der deutschen Kultusministerkonferenz, die im Januar 2006 in einem Interview mit dem «Spiegel» einräumte: «Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.»
... und dies sogar von denen eingestanden wird, die sie ausgeheckt haben,...
Damit erweist der Staat seiner jungen Generation einen Bärendienst. Es ist zwar begreiflich, dass man den Lehrkräften nicht zumuten will, alle paar Jahre wieder eine neue neue Rechtschreibung lernen und lehren zu müssen. Aber Nichtstun ist noch schädlicher [...]. Man lässt die Schülerinnen und Schüler also bewusst ins Abseits laufen, indem man sie die selteneren Schreibungen lernen lässt und ihnen beibringt, die beliebteren seien falsch. Das zeigt, dass die Reforminitiatoren und -anhänger nach wie vor krampfhaft versuchen, ihr künstliches Geschöpf am Leben zu erhalten. Es ist jetzt höchste Zeit, dieses Experiment abzubrechen. Wir müssen so rasch wie möglich wieder zu einer sprachrichtigen und einheitlichen, kurz: zu einer unauffälligen Rechtschreibung für alle zurückfinden.
Rudolf Wachter in der NZZ am Sonntag vom 17. Mai 2009
... kann man wirklich nur zu diesem einen Schluss kommen: lieber spät als gar nicht einen Schlussstrich ziehen.
Und so sind die vermeintlich fortschrittsfeindlichen Sprachorthodoxen, die belemmerte Schreibungen wie «Tipp», «aufwändig» oder «kennen lernen» (ganz zu schweigen von der Jekami-Interpunktion) stets abgelehnt haben, vielleicht (lies: hoffentlich) bald wieder ganz modern...
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Das Geschreibsel eines in Zürich wohnhaften, berndeutsch- sprachigen Gelegenheitsbloggers so um die dreissig mit einer kaum zu leugnenden Affinität zu allerhand -ismen. Wer’s genauer wissen will, schreibt an juriÄTsarbachDOTcom.
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